Zurück in die Wüste

Die Reisezeit nähert sich dem Ende, der Motorradexport hat tatsächlich funktioniert und das Motorrad befindet sich auf hoher See. Nach Peru geht es mitten in der Nacht wieder zurück nach Chile, denn der Rückflug nach Europa wird in Santiago de Chile starten. Nach der intensiven Zeit in Peru möchte ich mir als krönenden Abschluss die nördlichen Teile von Chile anschauen, die mir aufgrund von Pannen mit dem Motorrad verwehrt blieben. Doch es gibt auch einen anderen Grund für den Ausklang in Chile. Ich habe mehr als zwei Monate in Chile verbracht und dieses Land und insbesondere die Leute vom Süden bis in den Norden kennengelernt. Dabei ist mir das chilenische Volk sehr ans Herz gewachsene, eine Zuneigung, die grundsätzlich auf Gegenseitigkeit beruht, denn die Deutschen sind in Chile ebenfalls beliebt.

Meine Reise bringt mich nach Iquique, eine der letzten größeren chilenischen Städte in Richtung, wenn man nach Norden reist. Die Anreise auf Iquique ist beeindruckend, denn direkt die Stadt liegt am Meer und direkt dahinter steigt die Erdoberfläche steil an. Bei der Anreise wird man sozusagen am oberen Ende des Berges vom eher flachen Altiplano ausgespuckt und hat einen tollen Überblick über die Stadt. Die Straße macht eine knappe Linkskurve und führt dann über mehrere Kilometer entlang des Abhangs Nord-Süd-Ausrichtung der Stadt parallel zur Küste nach unten auf Meereshöhe.

Eine zweite Überraschung zeigt sich in der Innenstadt. Neben der attraktiven Meerlage bietet sie ein etwas heruntergekommenes, jedoch vielversprechendes Bild. Allein das spanische Haus ist umwerfend. Außen vergleichsweise unscheinbar zeigt es innen eine reiche orientalische Wandverkleidung. Und die Calle Baquedano weist eine Unzahl an Holzhäusern mit Vorbauten und Veranden auf. Zwar bedürfen diese ein wenig Farbe, doch bereits jetzt gibt es eine Reihe schöner Lokale zu finden. Und mit vielleicht noch etwas mehr Zeit wird Iquique dann die gentrifizierte Hipster-Hauptstadt Chiles.

Ich bin froh, am Ende der Reise nochmal hierher gekommen  zu sein, möchte allerdings nicht die restlichen vier Tage hier verbringen und miete mir ein Auto, um den nördlichen Teil der Atacama zu erkunden. Mit dem Auto geht es erst einmal wieder in Richtung Süden, auf der Ruta 1 entlang der Küste. Die Sicht ist beeindruckend und ich bin überrascht und erfreut, wie wenig Verkehr auf dieser Straße ist. Sie ist neben der Hauptverkehrsverbindung Ruta 5 etwas weiter im Landesinneren die einzige weitere geteerte Verbindung in den Süden. Am Zollkontrollpunkt nach 150 Kilometern wird mir dann auch erklärt, warum so wenig Verkehr herrscht. Vor zwei Wochen hat es wohl mal wieder geregnet und noch etwas weiter in südlicher Richtung wurde wohl die Straße weggespült und bisher noch nicht wieder befahrbar gemacht. Es heißt also wieder umkehren und über Iquique auf die Ruta 5 fahren, nach Pozo Almonte. Auf dem Weg dahin liegt Humberstone, eine der vielen, vielen verlassenen Minendörfer im Norden von Chile. Diese ist für Touristen erhalten, und man das Leben der damaligen Minenarbeiter erkunden.

Am nächsten Tag geht es in den Süden. In der Nähe von Calama, wo ich bereits vor zwei Monaten vorbeigefahren bin, liegt die größte und tiefste Tagebaumine der Welt. Bis zu einem Kilometer geht es in die Tiefe. Die 300 Kilometer in drei Stunden schaffe ich tatsächlich, denn ich hatte natürlich nicht am Vortag angerufen, um zu erfahren, dass die Führung mittags um eins beginnt. Und so erfahre ich es am gleichen Tag um kurz vor zehn. Die Führung geht zuerst durch das 2007 verlassene Dort Chuqicamata und dann direkt in die Tagebaumine. Um einen herum kurven die großen Kipplaster mit dem Abbaumaterial. Für den Transport von unten nach oben benötigen sie ungefähr eine bis eineinviertel Stunden.

Nach der Besichtigung geht es an diesem und nächsten Tag noch nach Chui Chui und der ältesten Stahlbrücke von Chile aus dem Jahr 1890. Es macht wieder Spaß in den Weiten der Atacama zu fahren und das Nichts zu genießen. Mitten in diesem Nichts liegt auch eine der größten Ansammlungen von Geoglyphen, also Zeichnungen auf der Erdoberfläche. Die Geoglifos Pintados im Reserva Nacional Pampa del Tamarugal enthalten ca. 400 einzelne Zeichnungen über Menschen, Tiere, Natur und Lebenssituationen. Beobachten kann ich diese Geoglyphen aus den Jahren 700 bis 1500 n.c. von der flachen Ebene, denn sie sind auf den Berhängen „gezeichnet“, wobei gezeichnet heißt, dass für die zu sehenden Linien und Flächen Erdoberfläche entfernt wurde. Faszinierend ist jedoch auch der nicht beschriebene Boden, auf dem ich beim Beobachten stehe. Die Atakamawüste ist die trockenste Wüste der Welt – mit dem offiziell trockensten Ort der Welt nicht weit von meinem Standpunkt. Es regnet also kaum, und der Erdboden ist so hart wie Stein und sieht an vielen Stellen so aus, als ob er mit einem Flug aufgerissen wurde. Letzteres liegt aber wohl alleine an der Kraft der sich in der Hitze ausdehnenden Erdstücke, die sich dann gegeneinander aufwerfen. Der Boden klingt wie Porzellan, und beim Gehen hört es sich an, als ob unter der oberen Schicht ein Hohlraum ist.

Nach einigen Dörfen und der Besichtigung in der Atakama lebensfähiger Bäume im Reserva Nacional Pampa del Tamarugal geht es zurück nach Iquique, denn von dort startet mein Nachtflug nach Santiago, ein Reiseabschnitt, wo ich endlich mal auf den Bus verzichten wollte.

Santiago ist also Anfangs- und Endstation meiner Reise. Am letzten Tag erkunde ich nochmals die Innenstadt und genieße die Sonne – der Wintersmog löst sich auf – und verabschiede mich am Abend von meiner Gastfamilie der Sprachschule, zu der ich auch während der Reise immer wieder Kontakt hatte. Am Tag drauf geht es unspektakulär einfach und ohne Zeitnot und sonstige Schwierigkeiten zurück nach Europa und München.