Zum Umfallen

Nach dem Einstieg in die Carretera Austral und der Übernachtung in Chaiten in einem gemütlichen Cabana gemeinsam mit Ricardo und Evelyn, einem chilenischen Pärchen, geht es weiter nach Süden. Das nächste Ziel ist die natürliche Terme El Sauce in der Nähe von La Junta auf Empfehlung von Ricardo. Das heißt Camping. Am Ende der Nacht weiß ich, dass meine Ausrüstung zum Campen in Patagonien nicht ausreicht, die Kälte ist zu stark, trotz mehrerer Lagen Kleidung. Die Terme El Sauce dagegen ist ein Erlebnis, ich habe sie ganz für mich gehabt und konnte unter freiem Himmel in heißem Termalwasser baden.

Weiter geht es nach Coyhaique in den Süden. Nach einem gut ausgebauten Stück südlich von La Junta folgt wieder Schotterpiste. Durch einen Chilenen in Canete vorbereitet, versuche ich möglichst bis ein Uhr, das Stück zu durchfahren, denn auf der ganzen Strecke wird die Straße instand gesetzt und verbreitert. Dafür wird die Straße zwischen ein und fünf Uhr nachmittags vollständig gesperrt. Natürlich schaffe ich es nicht ganz und bin für drei Stunden für einer Sperre gemeinsam mit einem LKW gefangen. Es gibt Kaffee mit dem Gaskocher für alle.

Schotterpiste kann sehr vielfältig sein. Es gibt trockene und feuchte, steinfreie oder sehr steinige, breite oder schmale, mit Schlaglöchern durchsetzte oder glatte, sandige oder erdige, griffige oder rutschige Piste, harten oder weichen Untergrund – und dies in allen Kombinationen. Je nach Konsistenz fährt sich die Straße sehr gut oder das Motorrad rutscht hin und her. Letzteres ist ein eigenartiges Gefühl und immer mit der Angst verbunden, umzufallen. Und europäische asphaltierte Passstraßen haben hier ihre Schotter-Pendants. Dabei sind die Spitzkehren häufig mit losem Schotter ausgelegt, steil und wellig. Denn es gibt auch Regelmäßigkeiten bei diesen Pisten. So sind steile Stellen meist steinig, locker und haben kurz aufeinanderfolgende Querwellen.

Heute war es dann soweit. Nach der Freigabe der Carretera Austral um fünf Uhr ging es weiter. Natürlich waren die Bauarbeiten des Tages nicht abgeschlossen und in vollem Gang. Dabei wird auch neuer Untergrund aufgetragen: Erde wird auf die Straße gekippt und nach und nach festgewalzt. Durch ein solches Stück ging es heute ebenfalls. Der Untergrund noch sehr weich, versuche ich recht vorsichtig zu fahren und schlingere hin und her. Und bevor ich es realisiert habe, liegen BMW und ich am Boden. Und das Ganze wie eine große Theatervorstellung: Aufgrund der Sperrung gab es auf der Gegenrichtung eine kleine Schlange für diese Strecke, und da Motorradfahrer meist recht wendig durch schmale Strecken kommen, wurde mir der Vorzug gegeben und die Bauarbeiten kurz unterbrochen. Theater für alle – gratis.

Die Herausforderung am Umfallen ist nicht das Fallen. Aufgrund des weichen Untergrunds und der Koffer auf allen Seiten und des Zylinderschutzes war der Sturz fast genauso weich wie das Sitzen. Nein, schwierig ist das Aufrichten. Hektik ist dabei auch Fehl am Platz, denn liegt das Motorrad mal, liegt es und es kann sowieso nicht mehr viel passieren. Das Anheben von gut 300kg geht nur mit Hilfe, die mir in Form von Baustellenarbeiten geleistet wurde. Ohne Hilfe müssen die Koffer abmontiert werden. Anschließend ging es im Schritttempo durch das kurze Stück weichen Untergrund weiter. Bei dem Umfaller im Stand auf einem Parkplatz vor einigen Tagen habe ich mir mehr wehgetan, da ich den Fehler gemacht habe, das Motorrad halten zu wollen. Diesmal hatte es (hoffentlich) keine Folgen.  🙂