Wendepunkt

Nach der Übernachtung im Bed&Breakfast mit der schönen Dachterrasse und dem Blick auf das Meer geht es weiter nach Norden, nach Chañaral. Dort begegnet mir der im letzten Artikel beschriebene Staub und Schmutz auf der Straße und in der Luft wieder. Es braucht dann noch ein, zwei Fahrten über eine Umleitung in Chañaral, bis ich begreife, dass der mutmaßliche Grund für den Dreck nicht die Minen, sondern eine Naturkatastrophe vor zwei Monaten verantwortlich ist. Als ich in Santiago in die Sprachschule ging, kamen immer wieder TV-Meldungen von heftigem Regen im Norden von Chile. Jetzt ist das Wasser zwar fort, doch selbst nach zwei Monaten ist gerade mal die Ersatzinfrastruktur wieder hergestellt. In der Zone des Wasserflusses sind die Häuser noch mit Dreck gefüllt, an fast allen Häusern sieht man noch die Höhe des Wasserstandes, die Nord-Süd-Hauptverkehrsverbindung Ruta 5 ist teilweise weggespült, Autos und LKWs stehen verdreckt und verknautscht am Straßenrand und, wie ich später auf dem Weg nach Süden sehen darf, sind im Tal östlich von Chañaral bis auf 130km die Schäden der Fluten zu sehen. Alleine der Aufbau der Ersatzstraßen in dieser kurzen Zeit ist eine wahre Meisterleistung. Der Dreck in der Luft und auf der Straße wird wohl in den nächsten Jahren eine Konstante bleiben, denn grundsätzlich regnet es in dieser Region nicht viel. Und so kommt es auch, dass im Norden, im Zentrum und im Süden vereinzelt Atemschutzmasken getragen werden: Im Norden wegen es Staubs in der Luft, in Santiago wegen des winterlichen Smogs und im Süden wegen der Vulkanasche. Aber wer meint, es lohne sich nicht, Chile zu bereisen, der täuscht sich gewaltig.

In den hiesigen Breiten beginnt die Atacama-Wüste, die sich bis in den Norden von Chile erstreckt und die trockenste Wüstenregion der Welt ist. Ein Großteil dieser Wüste befindet sich auf einem Hochplateau. Und so kommt es, dass ich nach meinem Wild-Camping nördlich von Taltal auf einer Strecke von 30km kontinuierlich auf 2300m Höhe fahre. Dabei macht die Straße nicht die aus den Alpen bekannten Serpentinen am Berghang sondern schlängelt sich mit seichten Kurven langsam ohne Unterbruch auf diese Höhe hoch. Oben angekommen besteht die Landschaft nur noch aus Erde, es gibt sehr wenig Vegetation. Durch die Weite wirkt das Landschaftsbild schlicht und beeindruckend.

Erde ist auch bei nicht asphaltierten Straßen der bestimmende Formfaktor. Im Gegensatz zum sandigen Zentrum oder steinigen Süden sind diese Nebenstraßen erstaunlich fest und eben. Da aufgrund des trockenen Klimas der Regen ausbleibt, hält sich die Erosion in Grenzen, und es gibt wenige Schlaglöcher. Hier sind mir sogar Erdstraßen mit Fahrbahnmarkierungen begegnet. Diese Straßen lassen sich mit dem Motorrad sehr gut fahren – in trockenem Zustand. In feuchtem Zustand, z.B. am Morgen oder nach Bewässerung als Gegenmaßnahme zur Staubentwicklung, werden diese Straßen spiegelglatt. Das durften Motorrad und ich auf einer der Umleitungen wegen Instandsetzung der Ruta 5 spüren. Im einen Moment war noch alles OK, im nächsten Augenblick dachte ich mir: „Das Hinterrad ist eigentlich zu weit links für die wenigen Lenkbewegungen…“. Und wie ich mir das noch so dachte, rutschen Motorrad und ich auch bereits auf der Seite oder dem Rücken liegend über die Straße. Auch hier haben Koffer, Sturzbügel, Helm und Motorradkleidung wieder gute Arbeit geleistet. Beim Aufstellen des Motorrads halfen wieder vorbeifahrende Chilenen. Und was das Umfallen angeht, scheint die BMW unkaputtbar zu sein.

Die Atacamawüste wird trotz ihres trockenen Klimas intensiv kommerziell genutzt. In dieser Region gibt es viele Erzvorkommen, so dass an vielen Strecken Minen oder Zufahrten zu Minen zu sehen sind. Es gibt an den Autobahnen durch die Atacamawüste eigentlich keinen Punkt, wo man nicht irgendwo eine staubende Mine, aufgeschüttete Schuttberge oder verarbeitende Industrie sehen kann. Ein Markenzeichen dieser Region ist unter anderem auch ein bestimmter Typ von Autos: Ein roter Pickup mit großer aufgedruckter alphanumerischer Identifikation und einer langen, rundlich gebogenen Funkantenne über der Ladefläche. Diese Gefährte sind die Arbeitstiere der Industrieunternehmen.

Antofagasta bildet das Ballungszentrum des Nordens von Chile. Die Stadt mit dem etwas eigentümlichen Namen hat ihren eigenen Charme. Sie schlängelt sich über einige Kilometer entlang der Küste, nach Osten wird sie relativ bald durch eine Bergkette und den Anstieg auf die Hochebene der Atacama begrenzt. Sie ist das industrielle Zentrum des Nordens und bietet wenige touristische Infastruktur. Dennoch macht gerade diese Nüchternheit und die steinige Küstenlinie die Stadt wieder interessant. Neben dem immer guten Wetter gibt es Attraktionen wie ein Eisenbahnmuseum oder alte, hergerichtete Pierbauten. Am Tag meiner Ankunft findet ebenfalls das erste Spiel des Copa America 2015 statt – der Fußballmeisterschaft der Amerikas. Chile als ausrichtendes Land feiert dieses Ereignis groß und kann im ersten und den folgenden Spielen bereits gut punkten.

Über Baquedano und Calama geht es direkt nach San Pedro de Atacama, dem touristischen Zentrum des chilenischen Teils der Atacamawüste. Diese kleine Ortschaft besteht zu fast nichts anderem aus Tourismus. Der Weg dorthin geht über einen Pass von 3400m Höhe und San Pedro de Atacama selbst liegt auf 2500m. Fast alle interessanten Ausflugsorte liegen dann über 4000m Höhe, so dass ich mich entschließe, diese Höhen erst einmal mit regulären Touranbieten auszuprobieren, bevor ich einfach so vom Motorrad kippe ;-). Die Geysire von El Tatio sind beeindruckend, wenn auch kalt, und die Lagunen und der Salar de Atacama südlich von San Pedro bieten gleichfalls wunderschöne Landschaften.

An meinem Geburtstag, dem zweiten Tag in San Pedro de Atacama, drehe ich dann auch mal wieder am Rad, also am Hinterrad meines Motorrads. Dies stellt sich als wegweisend für die weitere Reise heraus, denn mit einem deutlich hörbaren regelmäßigen „klock-klock-klock-…“-Geräusch wird San Pedro de Atacama den nördlichen Wendepunkt der Reise darstellen. Es sind noch drei Wochen bis zur geplanten Abgabe des Motorrads in Valparaiso Anfang Juli und nach Rücksprache mit meinem Mechaniker in Deutschland und der Übermittlung einer Audio-Datei vom „Klocken“ gibt es drei Alternativen: a) Klocken ignorieren und weiterfahren und im Norden eine Panne riskieren, b) eine Werkstatt in Antofagasta aufsuchen und das bereits dreimal durchgespielte Spiel ein viertes Mal üben, c) den Weg nach Süden einschlagen und das Motorrad früher abgeben.

Nach einigem Abwägen entscheide ich mir für die Alternative c) und nehme das Risiko einer Panne auf dem Rückweg in Kauf. Das Aufsuchen einer neuen Werkstatt, die Problemsuche, die Bestellung von Ersatzteilen sowie die Montage werden eine Woche in Anspruch nehmen. Bleiben zwei Wochen, von denen ich sowieso eine Woche für die Rückreise benötige. Das Risiko der Alternative a) ist zu groß, denn es wären noch mehrere tausend Kilometer mit dem Defekt zu fahren. Im Laufe der Rückreise wird das Klocken zwar wieder ganz verschwinden, aber dann ist der Alternativplan, nämlich in den verbleibenden zwei Wochen einige Attraktionen in Argentinien mit Flug und Bus zu bereisen, bereits zu weit entwickelt, um noch einmal umzukehren. Und den Norden von Chile werde ich mir wohl im August anschauen, auch das ist eine Entscheidung der letzten Wochen – die Verlängerung der Reise um einen Monat. Es beginnt also der letzte Teil der Motorradreise und so wie ihr fiebere ich genauso mit, ob das Motorrad zumindest den direkten Weg von 1600km nach Valparaíso schafft.

Und so breche ich am Morgen des 16. sehr früh auf und verlasse in Dunkelheit die Stadt, die ich auch in Dunkelheit erreicht habe. Zurück geht es über den Pass mit 3400m, einem Sonnenaufgang, Calma, Baquedano, vorbei an Antofagasta, über Taltal hin zu einem wilden Camping weiter südlich. An diesem Tag sind es fast 600 Kilometer. Das Motorrad läuft.

Rückblickend hat sich diese Reise häufig gewandelt. Von einer oberflächlichen Durchquerung mehrerer Staaten in Südamerika ist sie zu einer intensiven Erkundungstour von Chile und des mittleren Teils der Ruta 40 in Argentinien geworden. Und als Leitspruch hilft mir auf der Reise: „Hartnäckig wenn möglich, flexibel wenn nötig“.