Meine BMW

Ich sitze unter freiem Himmel auf der Dachterrasse des Casa El Faro in Caldera in der Region „Atacama“ im Norden von Chile und schreibe diesen Blogeintrag. Im Gegensatz zu Patagonien ist das Wetter endlich wärmer und lädt zu Aktivitäten im Freien ein. Heute bin ich knapp 500 km in den Norden gefahren, angefangen bei Coquimbo über Vallenar, Tierra Amarilla und Copiapo bis hier an die Küste. Die Landschaft hat sich wieder verändert. Die Atacama-Region ist eine der trockensten Regionen der Erde. Entsprechend dürr ist auch die Umgebung, in Copiapo ist nicht nur die Stadt verstaubt, auch die Berge sind dreckig und mit Staub bedeckt. Die Luft ist ebenfalls diesig, was an den Minen und den vielen LKWs liegt, die dort fahren.

Auf der Ruta 5, der Pan Americana, geht es häufig einfach nur gerade aus und vorbei an schöner, schlichter Natur. Ab und zu tauchen einzelne Siedlungen auf oder manchmal sogar ein Flugfeld oder Flughafen. Der internationale Flughafen „Desierto de Atacama“ liegt mitten in der Wüste – entsprechend seinem Namen.

Wahrscheinlich werde ich gar nicht mehr die Anden überqueren … können. Die Entscheidung, auf der chilenischen Seite zu bleiben, stellt sich nach einigen Gesprächen mit anderen Reisenden als Glücksgriff heraus, denn alle Pässe tragen Schnee. So erkunde ich Chile etwas genauer und den Rest von Südamerika … irgendwann anders. Nach gut eineinhalb Monaten Reise verstehe ich die Reiseberichte, die auf Zeiträume von ein bis zwei Jahren für die PanAmericana hinweisen. Es gibt einfach so viel zu sehen und zu erkunden.

Die Straße führt sehr viel einfach gerade aus, so dass ich mir in den nächsten Wochen wohl wieder Kanten in die neuen Reifen fahren werde. Seit Santiago sind bereits einige Tage und Kilometer vergangen und das Motorrad fährt einwandfrei – wenn man mal vom linken Blinker absieht. Denn links blinken tue ich mit dem ausgestreckten Arm. Das ist aber angesichts des wenigen Verkehrs in dieser Region kein großes Risiko. Bisher konnte ich die Ursache des Fehlers noch nicht feststellen, das Motorrad ist allerdings nicht noch einmal stehen geblieben, so dass es nicht an der Batterie liegt. Der linke Blinker geht einfach nicht mehr an.

Neben der Straße läuft seit Santiago eine Eisenbahnlinie, die allerdings erst in dieser Region mit vielen Minen genutzt zu werden scheint. Etwas weiter im Süden verfallen die Gleise und es verkehrt kein Zug. Alle Transporte werden mittels LKW auf den hiesigen Straße erledigt.

Eineinhalb Monate Reisen mit dem Motorrad in Südamerika liegen hinter mir und damit bereits viele Erlebnisse und Erfahrungen. Es lief ganz anders als geplant. Kann ich es eigentlich bereits fassen, dass ich auf einem ganz anderen Kontinent mit meiner BMW unterwegs bin – ich weiß es nicht. Am nächsten zu diesem „Verständnis“, ganz woanders zu sein, bringt mich tatsächlich die Abhängigkeit von der Technik – von meiner BMW. Wenn ich durch die endlosen Autobahnkilometer der Atacamawüste fahre und dabei an den Breakdown des Motorrads in der Pamapa von Argentinien zurückdenke, spüre ich am ehesten die Entfernung zu meiner Heimat Europa. Denn dort kann man in ein länderübergreifende Sicherheitsnetz zurückfallen – das geht hier nicht. In Europa gibt es auch wenige so abgelegene Regionen wie hier viel zu finden sind. Und dennoch – meine BMW ist der Ausgangspunkt vieler Gespräche; sei es das Thumbs-Up von passierenden LKW-Fahrern, das begrüßende Hupen überholender Autos auf der Autobahn, die herübergeschriene Frage von neben einem fahrenden Motorradfahrern, woher man denn stamme, oder seien es Passanten, die einen auf die BMW ansprechen. Und schließlich ist die BMW der Motor meiner Fortbewegung. Wo ich diese Zeilen schreibe, wird mir bewusst, wie „meine BMW“ diese Reise bereits gesteuert hat. Dabei meine ich nicht den Transport von Europa nach Südamerika sondern viel mehr die Route, die ungeplanten Unterbrechungen und die neuen Kontakte.

Andererseits war die Wahl meiner „alten“ BMW als Fortbewegungsmittel wie so vieles in der Planung der Reise blauäugig, denn in Südamerika werden zumeist neuere BMWs gefahren, so dass Ersatzteile und Technik der älteren Modelle weniger weit verbreitet sind. Im Laufe der Reise hat sich damit auch der Blick auf die notwendigen Werkzeuge geschärft. So sind Kabelbinder, Seitenschneider, Bit-Satz, Klebeband, Inbusschlüsselsatz, Draht und Ersatzschrauben schon häufiger zum Einsatz gekommen. Z.B. wenn sich eine Schraube des Windschilds löst und rausfällt. Oder zuletzt vor ein paar Tagen nach der Wartung durch BMW Santiago. Sie haben großartige Arbeit geleistet, denn mein Hinterrad läuft endlich wieder rund ohne Rumpeln. Allerdings haben sie die Gummimanschette des Kardan nicht mit einem Kabelbinder befestigt sowie den Sensor des ABS am Hinterrad falsch eingebaut. Das hieß also wieder, die Bremsen am Hinterrad und den ABS-Sensor ab- und einzubauen, und die Manschette mit meinen Kabelbindern zu sichern. In den nächsten Tagen werde ich wohl die Versuche, den linken Blinker wieder zum Laufen zu bekommen, fortsetzen. Ob dafür der eingepackte Draht ausreicht? Schlussendlich ist auch eine Erkenntnis: Meine Fähigkeiten, die BMW zu reparieren sind sehr begrenzt. Und ein Strommessgerät wäre schon fein gewesen…

Mit gut 114.000 Kilometern habe ich die BMW nach Südamerika gebracht, jetzt sind bereits knapp 125.000 auf dem Tachometer. Auf der Rückreise werden mehr als 10% der Laufleistung aus Südamerika stammen. Meine Fahrweise hat sich mit den Pannen geändert. Habe ich sie auf den Reisen in Europa noch sehr gefordert, so fahre ich sie seit einigen tausend Kilometern bereits deutlich rücksichtsvoller. Dennoch trägt sie bereits jetzt deutliche Spuren aus dem südamerikanischen Kontinent. Der Sturzbügel hat sich bereits mehrfach bezahlt gemacht und Farbe verloren. Auch die Koffer sind durch die „vielen“ Transporte an einigen Stellen recht angekratzt. Doch es gibt auch schöne neue Aufkleber.

Einer davon ist vom ESO – der europäischen Südsternwarte in Chile. Die Gegend östlich von La Seren weist eine geografische Besonderheit auf, die eine optimale Beobachtung des Sternenhimmels ermöglicht. Zwischen Küste und eines hügeligen Gebietes liegt eine vor-Anden-Kette, die dazu führt, dass es im dahinter liegenden hügeligen Gebiet wenig Regen und viel klaren Himmel gibt. Dort sind dann um die zehn und mehr Observatorien zu finden, die ihre Pforten auch für Touristen öffnen. Eines davon ist das „La Silla“ von ESO nördlich von La Serena. Nach einer schnelleren Fahrt über die Ruta 5 ging es dann über 20 Kilometer auf 2400m hoch. Der schnelle und stetige Anstieg hat zu stärkerem Herzklopfen geführt, bis sich der Körper an die Höhe gewöhnt hat. Oben gab es eine super Aussicht und gute Einführung in die Technologie des Observatoriums. Da tagsüber, leider keine Sternenbeobachtung. Der einzige ausländische Tourist unter chilenischen Familien und einer chilenischen Schulklassen war wieder die Attraktion und wurde dann gleich auch auf spanisch interviewt. Ich warte noch auf die Veröffentlichung des Interviews auf Facebook.

Mit den weniger werdenden Pannen und der Konzentration meines Reisegebietes auf Chile ändert sich auch das Reisen an sich. Waren es bisher „Routen“, die es zu erfahren galt, wie etwa die Carretera Austral oder Ruta 40, konzentriere ich mich jetzt auf einzelne Attraktionen wie Museen oder Nationalparks. Dazu bleibe ich dann auch mal mehrere Nächte an einem Ort, um etwas Ruhe in das Reiseleben zu bringen. Eine Konstante ist dabei der Genuss eines guten chilenischen Weines, vorwiegend Cabernet der Carmenere, so wie jetzt auch, auf der Dachterrasse mit nächtlichem Meerblick in Caldera.