Lebensanker und Ziele

Nach einem kurzen Frühstück und dem Zusammenpacken der Zeltausrüstung geht es wieder auf die Straße. Durch den nächtlichen Regen ist die Schotterpiste aufgeweicht und fährt sich schwammig. Mit geringer Geschwindigkeit im 1. und 2. Gang taste ich mich in Richtung Rio Mayo. Dazu sorgt die Griffheizung für warme Finger, die mir beim Packen des Zeltes fast abgefroren sind.

Und dann passiert es. Nach fünfzehn Kilometern fahrt möchte ich für ein Foto eine kurze Pause einlegen und halte an. Nach dem Auskuppeln stirbt der Motor ab und jeglicher Startversuch schlägt fehl. Der Starter schafft nicht mehr als eine Umdrehung des Motors. Das reicht zum Starten nicht aus.

Jetzt bin ich echt verzweifelt. Nach zwei Pannen in den letzten drei Wochen folgt gleich die Dritte, die dazu führt, dass das Motorrad gar nicht mehr bewegt werden kann. Die kommenden zwei Tage werden bestimmt sein von einem Gefühl großer Ohnmacht und der Verzweiflung. Denn am Ort der Panne liegt vor und hinter mir jeweils 100 km nichts – rein gar nichts. Den Blog könnte ich heute nicht schreiben, wenn sich nicht eine wundersame Lösung aufgetan hätte. Doch die Frage bleibt: Wo bleibe ich bei der nächsten Panne liegen?

Sporadisch fahren auf der abseits liegenden Straße Autos. Der Fahrer des ersten Wagens kann mir nicht helfen, da er kein Startkabel mitführt. Dies ist ein Utensil, das ich mir jetzt zusammen mit einem Voltmeter in Comodoro, Argentinien, zugelegt habe. Das zweite Auto, ein großer Pickup, hat ebenfalls kein Kabel und fährt weiter. Nach 100 Metern hält er an und setzt zurück. Wir sprechen und er bietet mir an, das Motorrad in die nächste Stadt zu transportieren. Welch ein Glück! Und ein zweiter Glücksfall ist der zufällig für den Stopp gewählte Ort, der wieder an einem Wendeplatz liegt, der einen aufgeschütteten Hügel zum Verladen des Motorrads auf dem Heck des Pickups dient. Mit vereinten Kräften schieben wir es dorthin. Das Abladen wird übrigens ebenfalls über einen Schutthügel passieren, so dass ich nach vier solchen Aktionen, Cochrane und Coyhaique eingeschlossen, keine Skrupel mehr habe, das Motorrad irgendwie zu verladen.

Nach dem Verladen kommt ein weiteres Utensil, das ich mir bereits in Coyhaique nach den Verladeerfahrungen aufgrund der Panne mit dem Hinterradlager zugelegt hatte, zur Anwendung: ein robuster Befestigungsgurt. Beim Transport von Cochrane nach Coyhaique über gut 250 Kilometer Schotterstraße mit vielen Kurven und Schlaglöchern war die BMW nämlich lediglich mit vier windigen Gürtchen befestigt, von denen drei gehalten haben. Aus dieser Erfahrung heraus und dem Aberglauben, dass ein Präventivkauf weitere Pannen abwendet, hatte ich mir in Coyhaique den Befestigungsgurt gekauft.

Während der Fahrt kommen wir ins Gespräch. Das Dorf Rio Mayo hat wenig Infrastruktur und keine passende Werkstatt, so dass mir Osvaldo anbietet, das Motorrad mit nach Comodoro zu transportieren, seinem Zielort der Fahrt, was wiederum ein Glücksfall ist. Wir fahren durch die Ölförderungsgebiete in Richtung Atlantikküste. Osvaldo bereitet mich auf Comodoro vor, denn im Gegensatz zu Chile sind argentinische Städte nicht durchgängig sicher. Comodoro ist eine durch die Ölförderungsindustrie geprägte Stadt und hat eine kühle Atmosphäre. Selbst Einheimische drehen sich um, wenn in einer etwas ruhigeren Straße jemand hinter ihnen geht, und sind recht vorsichtig. Von der von mir geplanten Route entlang der Küste in Richtung Norden wird mir abgeraten. Die Ruta 40 im Westen Argentiniens ist sicherer und schöner, außerdem fahren dort weniger Trucks.

Das Motorrad wird bei einer Yamaha-Motorradwerkstatt abgeladen und es folgt ein durchwachsener Nachmittag. Der Grund für den Verbrauch der Batterieleistung ist nicht identifizierbar. Vermutlich war es der hohe Verbrauch durch Licht und Griffheizung und die geringe Motordrehzahl durch die geringe Geschwindigkeit. Auch ein Kriechstrom ist möglich. Für die weitere Reise kann ich also lediglich das Risikominimierung betrieben und kaufe deswegen Startkabel und Voltmeter. Ebenfalls klemme ich meine Ladekabel für Navigationsgerät und Heckkoffer von der Batterie ab. Und schließlich werde ich wohl in den nächsten Reisetagen bei Stopps außerhalb von Städten den Motor mit erhöhter Drehzahl laufen lassen, denn im Rückblick ist zwar die Batterie leergelaufen, der Generator hat den Motor während der Fahrt noch ausreichend versorgt. Auch werde ich die Griffheizung nicht mehr verwenden und zunächst nur noch asphaltierte Hauptstraßen fahren. Denn auch wenn das Motorrad eine BMW ist, das Alter kann nicht übersehen werden und mir ist eine Reise lieber als kontinuierliche Pannen.

Das Erlebte ist noch sehr nah, dennoch werden dadurch wesentliche Lebensanker klar. Die Unterstützung von Freundin, Familie und Freunden hilft sehr. Ebenfalls die selbstlose Hilfe einiger Argentinier – und in davor von Chilenen – macht das Überleben in solchen Notsituationen erst möglich oder vereinfacht es sehr. Mir wird erst langsam bewusst, wie viel Glück im Unglück ich hatte.

Ebenfalls werden die Ziele hierdurch klarer. So ist mir das Reisen in Südamerika sehr wichtig, das Reisen mit dem Motorrad zweitrangig. Insofern steht auch die Option zur Diskussion, das Motorrad früher als geplant nach Valparaiso zur Verschiffung zu bringen und dann mit dem Bus zu reisen. Die nächsten Tage werden zeigen, ob mit dem Fahren auf asphaltierten Straßen und der obigen Risikominimierung wieder Normalität und Spaß einkehrt und weiterhin interessante Orte besichtigt werden können. Auch die Reiseroute werde ich entsprechend anpassen, denn den Norden von Chile möchte ich noch sehr gerne sehen.

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