Jeder Tag beginnt mit der Frage „Quo vadis?“

Der Weg aus Patagonien raus ist geschafft. Nach dem großen Sprung durch die Anden nach San Martin de los Andes geht es noch weiter nach Norden über etwas abgelegene Gebiete der Ruta 40. Auch Schotterpiste war dabei, allerdings in Maßen und „weicher“. Immer wieder wechselt die Landschaft zwischen den bergigen Anden und der flachen Pampa von Argentinien. Sinneserweiternde Drogen sind hier nicht nötig, dies übernimmt der Blick in die Weite Argentiniens ;-).

Mate ist in Südamerika Nationalgetränk. Immer wieder war ich auch in die alltägliche Mate-Zeremonie eingebunden. Das heißt, es geht ein mit Tee gefüllter Mate in der Gruppe herum und wird immer wieder mit heißen Wasser aufgefüllt. Der „Mate“ ist ein aus Leder oder anderen Materialien hergestellter Becher, der mit Mate-Herbs fast vollständig gefüllt wird. Anschließend wird immer wieder heißes Wasser aufgegossen. So wie grüner Tee kann Mate häufig verwendet werden. Agua Caliente (heißes Wasser) ist übrigens ein Grundnahrungsmittel hier in Südamerika, dass in allen Hostels kostenfrei zur Verfügung gestellt wird und weswegen Thermoskannen zur Grundausstattung eines jeden Südamerikaners gehören. Getrunken wird der Mate-Tee durch die Pluma, ein Metallstrohhalm, der am unteren Ende mit einem Sieb ausgestattet ist, um nur Wasser und keine Teekräuter durchzulassen. Ich bin doch eher der Kaffee-Typ, weswegen ich zwar an Mate-Zeremonien teilnehme, allerdings meine Mate-Ausstattung wieder verschenkt habe. Stattdessen achte ich darauf, dass für einen Espresso in der Wildniss immer genügend Gas, Wasser und Kaffee vorhanden ist.

Nach der beschleunigten Reise nach Norden geht es jetzt wieder in die Werkstatt, diesmal jedoch zur geplanten Wartung der BMW. MotoAventura kann keinen festen Zieltermin zusagen, weshalb die Wartung durch die BMW-Niederlassung selbst in Santiago durchgeführt wird. Der Preis haut mich um, aber das liegt wohl eher an den zusätzlichen Reifenwechseln und der Reparatur der übrigen Lager im Kardan. Diego von BMW meinte im Nachhinein, das wären keine Lager mehr gewesen. Nun ist das Spiel im Kardan auch beseitigt und das Hinterrad läuft, wenn man es mit der Hand im Leerlauf beschleunigt endlich mal wieder ruhig. Und wahrscheinlich darf ich mir nun einen neuen Spitznamen zulegen: Der Lagerschlachter…

Der Weg nach Santiago führte über einen der niedrigeren Pässe zwischen Argentinien und Chile. Es ging auf 3200m hoch und an den Straßenrändern lag Schnee, die Straße war glücklicherweise frei von Eis und Schnee. Sie führte durch riesige und beeindruckend breite Schluchten über eine Länge von 100 Kilometern bis zum Pass. Auf der chilenischen Seiten fiel die Straße in Serpentinen dann recht schnell wieder ins Tal hinab.

Santiago hat sich in den letzten zwei Monaten etwas verändert. Zum einen liegt der bereits angekündigte Winter-SMOG dauerhaft über der Stadt und behindert die Sicht recht stark. Zum anderen ist es kälter geworden und es ist eine geschäftige Ruhe in die Stadt eingekehrt.

Mit dem Abschluss der Reparaturarbeiten stellte sich die Frage nach dem weiteren Weg. Gerade befinde ich mich auf dem Weg nach Norden auf der chilenischen Seite. Dies entspricht allerdings nicht dem eigentlichen Plan der letzten zwei Wochen. Eigentlich wollte ich zur Wartung nach Santiago und dann über den gleichen Pass wieder zurück nach Argentinien, um dort weiter in den Norden zu reisen. Anschließend sollte es über den nördlichsten Pass zwischen Chile und Argentinien „La Jama“ wieder zurück an die Ost-Küste und auf den Weg nach Süden gehen. Doch hier setzt der Winter ein und gerade auf dem Pass auf der Höhe von Santiago wird in den nächsten Wochen sicher Schnee fallen und somit bin ich auf nördlichere Pässe festgelegt. Diese bieten allerdings andere Herausforderungen: Sie liegen auf 4500 Metern und höher und damit ist auch nicht klar, ob sie passierbar sind. Angesichts der abenteuerlichen Ereignisse der letzten Wochen habe ich mich dazu entschieden, das Risiko, in Argentinien „gefangen“ zu sein, nicht sofort einzugehen und reise daher auf chilenischer Seite in den Norden. Den La Jama-Pass werde ich von Chile aus angehen und kann bei Höhenkrankheit oder Schneefall unbeschwert abbrechen und komme dennoch nach Valparaíso zurück. Einzig die noch getauschten argentinischen Pesos werden eventuell verfallen…

Und so beginnt jeder Tag mit der Entscheidung, wie es weiter gehen soll. Den „großen“ Plan der Reise hat es schon mehrfach umgeworfen: Kein Besuch in Ushuaia, kein großer Reisekreis entgegen dem Uhrzeigersinn, keine Rückkehr nach Argentinien nach der BMW-Wartung, kein Uruguay/Paraguay/Bolivien/Peru. Das sind aber wohl die ganz normalen notwendigen Umplanungen während einer solchen Reise. Jedes Ziel muss kontinuierlich angepasst werden. Und doch gibt es überall schöne Straßen und Begegnungen und Bilder, die es sich lohnt, anzusehen.