Der große Sprung

Es ist Zeit, Patagonien endlich zu verlassen. Der Winter setzt ein, in Coyhaique und Cochrane konnte ich gut beobachten, wie die Schneefallgrenze in den umliegenden Bergen sich immer weiter nach unten verschiebt. Und mit der Wahl der Ruta 40 im Westen von Argentinien ist Comodoro an der Küste ein Umweg gewesen. Da ab jetzt Asphaltstraße folgt, die durch das triste Argentinien führt, nehme ich mir als Ziel Gobernador Costa vor. Das sind gut 400 Kilometer.

Der Tag beginnt gut. Mit der gestern nicht mehr funktionierenden Kreditkarte kann ich wieder Geld abheben und das Voltmeter, das keine Dezimalstellen anzeigt, kann ich auch wieder zurück geben. Denn der Preis dafür war mit 40 EUR war deutlich überhöht. Daran sind die hohen Einführzolle für Importware spürbar.

Überhaupt ist Argentinien ein Land der großen Unterschieden. So ist die Qualität der Nahrungsmittel deutlich höher als in Chile, dafür ist das normale Leben wie etwa die Sicherheit in den Städten oder die Versorgung mit Strom und Wasser deutlich schlechter. Nach einem durchwachsenen Start in Comodoro komme ich jetzt in die kleineren Dörfer und Städte, die einladender sind und einen ursprünglichen Charme bewahrt haben. Auch für die Sprache heißt es wieder Umlernen. Die chilenischen Sonderbegriffe fehlen und die Sprechgeschwindigkeit ist im Allgemeinen langsamer. Dafür unterscheidet sich die Betonung einiger Buchstaben deutlich. So werden die Buchstaben „ll“ und „y“ nicht als „i“ sondern als „sch“ ausgesprochen. Der Argentinier zischt also durch die Sätze und ich komme mir wieder vor wie in den ersten Wochen in Chile. Denn im Nachhinein habe ich das chilenische Spanisch langsam verstehen können, trotz der hohen Sprechgeschwindigkeit und weichen Aussprache. Der Lernprozess setzt sich jetzt also wieder fort.

Einen Teil der geplanten Strecke von Comodoro nach Gobernador Costa kenne ich bereits vom Transport des Motorrads. Es führt durch die Ölfelder von Argentinien mit vielen Ölpumpen und Raffinerien. In Sarmiento lege ich nach 120 Kilometern einen Zwischenstopp ein und stärke mich mit leckeren argentinischen Spezialitäten. Das Motorrad verhält sich gut und die Stromversorgung scheint stabil zu sein. Ich kaufe seit Langem mal wieder Aufkleber für die Koffer.

Die folgende Strecke hat es in sich. Die Straßen sind einfach und gut, führen lange gerade aus und durch abwechselnde Landstriche. Dafür erreicht der Wind in Patagonien heute seinen Höhepunkt. Bereits gestern wurde ich vorgewarnt vor Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde. Diese bekomme ich zu spüren, teilweise kann ich das Motorrad gar nicht mehr in der Spur halten und werde eine ganze Fahrbahn vom links kommenden wind nach rechts gedrückt. Sicherheitshalber fahre ich zeitweise auf der Linken Spur, langsamer und „lege“ mich auf das Motorrad drauf, um den Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Da die Böen in flachen Landstrichen dennoch extrem stark sind, halte ich bei Gegenverkehr oder Überholmanövern von Autos teilweise sogar an, um nicht zufällig durch eine Böe vor die anderen Autos geblasen zu werden.

Glücklicherweise zieht sich der windige Teil nur gut 50 Kilometer, danach wird es etwas ruhiger und ich kann schneller fahren. Um kurz nach fünf erreiche ich durchfroren Gobernador Costa und fahre direkt in eine Polizeikontrolle. Wie in Chile ist auch diese kein Problem. Der erste große Sprung nach Norden raus aus Patagonien ist geschafft. Morgen geht es weiter in Richtung Norden und irgendwann dann auch in wärmere Gebiete.