Das Land der Gegensätze

Nach Panama hieß es noch einmal Abschied nehmen von meiner Freundin, da ich einen weiteren Monat an die Reise angehängt habe. Es soll nochmal nach Südamerika gehen. Alleine der Reiseweg ist noch ungewiss. Mein Flug zurück nach Santiago geht über Bogota und ich würde gerne dort aussteigen und per Landweg nach Chile reisen. Doch das Thema Motorradexport ist noch ein offenes und der Schlüssel ist nicht in Valparaíso angekommen. Das heißt, ich werde noch einmal in das Lager müssen, um in Gegenwart des Zolls die Koffer zu öffnen. Es geht nach Santiago. Am Ende der Reise werde ich diese Stadt sechs Mal besucht und verlassen haben. Sie ist das Zentrum meiner Reise. Ich komme abends spät an, ein Bus nach Valparaíso geht nicht mehr also nehme ich wieder ein Hostel und stehe morgens wieder früh auf, um mit dem Bus an die Küste zu reisen. Die Formalitäten mit dem Motorrad verzögern sich etwas, da der Zollmitarbeiter einen Unfall hatte und Ersatz kommen muss. Dann geht es sehr schnell. Hoffentlich war es das.

Valpariso hat mir noch nie so richtig zugesagt und deswegen ist die Weiterreise angesagt, das Ziel sind Peru und Bolivien. Ich nehme den Bus nach Antofagasta, die Fahrt wird 18 Stunden dauern und nochmals über Nacht gehen. In Antofagasta genieße ich wiederholt den Charme einer großen, untouristischen chilenischen Stadt und fahre am nächsten Tag wiederum sechs Stunden nach Arica, den nördlichen Zipfel von Chile vor Peru. Von dort aus setze ich mittels Collectivo nach Peru über, die Grenzformalitäten sind schnell erledigt und mein Pass füllt sich immer mehr mit Ein- und Ausreisestempeln.

Der Unterschied von Peru zu Chile ist sofort zu spüren. Das Thema Sicherheit ist wieder voll präsent und man wird überall darauf hingewiesen. Auch fällt die auf dem Lande vorwiegend vorhandene sehr einfache Bauweise von Hütten auf. Peru wird für mich am Ende der Reise das Land mit dem größten Unterschieden, den imposantesten Berglandschaften, den schönsten und größten erhaltenen alten Kolonialaltstädten und einem großen Gefälle zwischen touristischem und normalen Leben sein. Zu Beginn der Reise bin ich begeistert, zum Schluss werde ich aber wieder froh sein, das Land zu verlassen, denn abseits touristischer Pfade fehlt traurigerweise jeglicher Charme.

Es geht nach Tacna und ich entscheide mich für die direkte Weiterreise nach Arequipa. Eine Vorbereitung der Reiseroute gab es nicht. Auf dieser Reise habe ich es schätzen gelernt, mit einer Vorausplanung von wenn möglich weniger als zwölf Stunden zu leben. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es eigentlich immer. Arequipa ist eine Überraschung – so wie noch einige kommende Städte von Peru. Es ist UNESCO Weltkulturerbe und besitzt eine wahnsinnig schöne Altstadt. Kirchen, Gebäude und Geschäfte sind sehr gut hergerichtet. Ich laufe herum und schieße Fotos.

Wie geht es dann weiter? Man sagt, der Canyon de Colca Sol sei sehr schön, und ich gucke mich nach einer Tour um. Hier kommt dann gleich eine weitere Lektion, die ich in Peru lerne. Die Preise der Touren unterscheiden sich um den Faktor drei und schlussendlich reise ich selbst organisiert auf eigene Faust. Lektion: Touren sind in Peru fast nicht notwendig, wenn man etwas mehr Zeit mitbringt. Der Canyon ist beeindruckend und deutlich tiefer als der Grand Canyon. Aufgrund von Schnupfen und Kopfweh entscheide ich mich gegen eine Wanderung in dem Canyon und genieße ihn von oben. Es gibt Condore zu sehen. Das Wetter ist wie immer gut.

Die Kopfweh beschäftigen mich. Aus einem ganz bestimmten Grund. Wahrscheinlich kommen sie vom Schnupfen. Allerdings ist Höhe eine präsentes Thema in Peru. Innerhalb von zwei Tagen ging es von 0 auf 2200 und dann auf 3300m über normal null. Und der nächste Stop wird der Lago Titicaca sein mit gut 3800m. Dort in Puno wird der Fall eintreten, dass ich mir noch eine Karenzzeit von 24 Stunden für die Kopfschmerzen geben werde. Sollten sie dann nicht besser sein, geht es wieder nach unten.

Bis zum Titicacasee steht allerdings wieder eine Busfahrt an, und ich buche ein Ticket zurück nach Arequipa, denn vom Canyon de Colca gibt es keinen direkten Bus zum dem am höchsten gelegenen schiffbaren Binnensee der Erde. Es gibt eine kürzere Alternative, die schlage ich mir allerdings aus dem Kopf. Doch im Bus lerne ich dann ein Paar aus Belgien und Polen kennen, die diese kürzere Alternative fahren wollen. Was hat es damit auf sich. Es bedingt einen Umstieg in einem anderen Bus. Die Haken: Umstieg auf 4000m kurz vor Sonnenuntergang, es ist nicht sicher, dass der andere Bus stoppt, beim Umstiegspunkt ist sonst auch nicht viel. Wie kalt wird es in der Nacht? Gibt es einen Wetterumschwung? Auf dem Weg zum Umstieg denke ich mir auch schon Rückfallpläne aus: Hier ist ein Haus mit Schutz, dorthin könnte man auch gehen zum Schlafen. Schlussendlich läuft alles sehr einfach und es kommt und hält ein Bus schneller als gedacht. Wir können nicht einmal unseren Tee austrinken.

Jedoch: Es ist wohl ein „unsicherer“ Bus, von dem Reiseführer abraten, denn er hält überall und nimmt neue Gäste auf. Berichte von Diebstahl sind präsent. Am Ende der Reise hinterlassen die Begriffe sicher und unsicher für mich ein unbestimmtes Gefühl. Ich werde auch in Peru nicht ausgeraubt oder überfallen, fahre aber mit „unsicheren“ Transportmitteln, steige mitten an der Autobahn aus und laufe auch in Lima durch eher einfache Gebiete. Schlussendlich ist die Erkenntnis, dass ein Großteil der Menschen ehrlich ist und es nur sehr wenige sind, die die Gesetze brechen. Die gibt es auch bei uns in Europa. Reisende, die ausgeraubt wurden und denen ich auf der Reise begegnen, berichten eigentlich immer von einem Augenblick der Unachtsamkeit, in dem es passiert ist. Schlussendlich gibt es wohl zwei Garanten der Sicherheit: Achtsamkeit vor allzu großer (eigener) Dummheit und … Glück.

In Puno angekommen geht es zum Hostal und dann zu Bett. Die Wege mit dem Paar trennen sich beim Frühstück, da sie direkt nach Bolivien wollen, ich bleibe in Puno und kaufe ein Ticket zu den Uros, den schwimmenden Schilfinseln. Es ist beeindruckend zu sehen, wie das indigene Volk hier wohnt. Am nächsten Tag bringt es mich nochmal zu einer schwimmenden Insel, diesmal mit einer noch witzigeren Einführung in die Bauweise der Inseln. Ein kleines Modell entsteht und auch der „Mercedes Benz“ unter den Schiffen darf nicht fehlen. Das ganze findet unter freiem Himmel statt, wir auch Schilf sitzend. Zwischendrin erhält der Instrukteur andere auf dem Handy. Er ist eine schöne Stimmung und – ja – mitten im Lago Titicaca gibt es Handyempfang. An dem Tag geht es weiter zur Insel Amantaní zu einer Familie der dortigen Einwohner. Wir bekommen leckeres Mittag- und Abendessen und werden zwischenzeitlich durch die Kinder auf der Insel herumgeführt. Der Junge ist abends ganz an meinem Handy interessiert.

An Tag darauf geht es zur benachbarten Insel Taquile, bei der Überfahrt schaukelt es sehr und das Schicksal des Tages kündigt sich an. Nach Wanderung und Mittag soll es wieder zurück nach Puno gehen. Daraus wird allerdings nichts. Der Titicacasee und der Wind zeigen sich von der stürmischen Seite und das Boot kann nicht ablegen. Die weniger-als-zwölf-Stunden-Vorausplanung zahlt sich mal wieder aus. Anstrengend wird dagegen der Weg zurück zum Dorf. Die 150m Stufen muss ich nun mit Rucksack wieder hochlaufen und mir wie alle anderen eine Unterkunft suchen. Glücklicherweise sind viele Familien mit Betten für Touristen ausgestattet.

Am nächsten Tag geht es weiter, der See ist wieder ruhig. Ich will mir noch die Isla del Sol im Titicacasee auf bolivianischer Seite anschauen; sie wird mein sportliches Trainingslager für den Machu Picchu sein. Der Grenzübergang nach Bolivien ist der erste, der eher chaotisch abläuft und ich Kopien auf eigene Kosten anfertigen muss, da der Scanner zeitweise nicht geht. Danach kommt noch die Suche nach einem Boot zum Übersetzen auf die Insel. Das gekaufte Ticket gilt für ein Boot, das total überfüllt ist und ich verzichte auf die Überfahrt; das Ticket kann ich umtauschen. Zur Insel geht es mit einem Transportschiff der Einheimischen.

Auf der Isla del Sol gibt es drei größere Dörfer, ein touristisches im Süden, ein weniger touristisches im Norden und ein abgelegenes in der Mitte. Zur Mitte weil ich. Das heißt, nach Ankunft wieder 150m Treppen steigen mit Rucksack und dann noch einmal sechs Kilometer laufen in der Hoffnung, am Ziel auf eine Übernachtungsmöglichkeit zu treffen. Es klappt. Auf dem Weg lerne ich noch ein Paar aus Frankreich kennen, die im Norden einen Campingplatz suchen. Es sind wahnsinnig viele Franzosen in Peru unterwegs. In Challa – dem Dorf in der Mitte – finde ich ein Hostal. Der Haken: Stromausfall auf der Islas del Sol und kein Strom für eine warme dusche oder Licht. Es gibt Abendbrot im Kerzenlicht. Nach dem Frühstück geht es weiter nach Norden, ich wechsle für Unterkunft – an diesem Tag werde ich ordentlich auf der Insel herumlaufen und alle möglichen Inka-Ruinen erkunden. Es ist wieder ein schöner sonniger Tag. Am Abend kündigt sich allerdings ein Wetterumschwung an, der sich in der Nacht als Regen realisiert. Ich verlasse die Insel. Sprach ich eben von Sonne? Heute ist es jedenfalls … Schnee, der fällt. Es geht wieder raus aus Bolivien und mit dem Bus nach Puno und von dort nach Cusco. Rückblickend bin ich froh um die schnelle Abreise, denn danach gab es wohl richtig viel Schneefall, so dass für zwei Tage die Straßen gesperrt waren.

Cusco übertrifft Arequipa noch einmal in Größe und der Schönheit der Altstadt. Doch warum nach Cuzco? Der Machu Picchu und das Valle Sagrado liegen direkt um die Ecke. Ruinen der Inkas im Überfluss.

Ich besuche Pisac und Ollantaytambo, bevor ich mich auf die meines Erachtens nach neben den Iguazu-Fällen zweite große Attraktion Südamerikas stürze: Machu Picchu. Eine Inka-Ruinenstadt mitten in den Anden. Morgens um fünf Uhr geht es erst einmal 400m über Treppen zum Eingang des Areals. Ich laufe in der Inka-Stadt herum und schieße Fotos. Mein Ticket gilt aber auch für den Machu Picchu-Berg. Das sind nochmals 600 Höhenmeter. Und nach dem Abstieg entscheide ich mich, die Ruinen nochmals mit einem Führer zu besichtigen. Was bleibt, ist ein Tag in einer äußerst beeindruckenden Ruinenstadt; und der anstrengendste Tag meiner fünfmonatigen Reise. In der Summe sind es heute wohl knapp 1500 Höhenmeter hoch und runter und ich bin froh um mein Trainingslager am Titicacasee.

Von Cusco nach Lima ist es eine großer Sprung, den ich mit einer weiteren Nachtbusfahrt bewältige. Lima steht noch einmal in vollem Kontrast zu dem Rest von Peru. Es ist eine voll entwickelte Stadt nach westlichen Standards. Die Lage an der Steilküste ist beeindruckend. Und die Altstadt besteht wieder aus vielen bestechend schönen Gebäuden. Lima wird auch mein nördlichster Punkt der Reise sein. Beim Lesen des Blogs wird euch sicher aufgefallen sein, dass ich die den letzten Monat von Peru und Bolivien sprach. Bolivien ist bis auf die Isla del Sol aus dem Reiseplan geflogen. Und auch in Peru setze ich nun die nördliche Grenze in Lima. Die Reisezeiten sind enorm – allein für den Rückweg nach Chile werde ich drei Tage brauchen. Und außerdem möchte ich den Norden von Chile noch erkunden.

So geht es über die Oase Huacachina, die Líneas de Nazca und Puerto Inka nach Arequipa und dann Tacna. Dazwischen liegen Busfahrten, Collectivofahrten, Ausstiege mitten im Nichts, weitere Ruinen und der Kauf von Andenken.

In Tacna geht es des nachts wieder zurück nach Chile – in das Land und zu dem Volk, das mir über die Reise sehr ans Herz gewachsen ist. Hier werde ich meine fünfmonatige Reise ausklingen lassen. Die Einreise nach Chile fühlt sich an wie eine Heimkehr.